Teil 3 der Serie „Unser erstes Jahr zu dritt nach der Trennung“
Bauchschmerzen nach der Trennung klingen für Außenstehende oft nach einer Phase, die irgendwie dazugehört, nach etwas, das sich mit der Zeit schon wieder einrenken wird, nach einem „Das ist bestimmt die Umstellung“. Ich wünschte, ich hätte es damals genauso leicht einordnen können, denn für uns war es kein kurzer Stolperstein, sondern ein Ausnahmezustand, der sich über Tage zog, dann über Wochen, und der mich mehr Kraft kostete, als ich zugeben wollte.
Es war die Zeit, in der wir gerade erst begonnen hatten, uns in unserem neuen Leben zu sortieren. Der Umzug war noch nicht richtig in den Knochen angekommen, die Wege waren neu, die Strukturen wackelig, und ich hatte immer das Gefühl, dass ich gedanklich drei Schritte hinterherlaufe. Während andere morgens ihre Kinder zur Schule bringen und sich danach einem geregelten Alltag widmen, begann für mich nach dem Absetzen erst der eigentliche Marathon, weil ich jede freie Minute nutzte, um Dinge zu klären, die man normalerweise nicht gleichzeitig klären muss: neue Ärzte, neue Ansprechpartner, neue Termine, neue Schulen, neue Abläufe, und das alles mit dem Druck im Nacken, dass ich es allein verantworten musste.

Ich war zu diesem Zeitpunkt teilweise krankgeschrieben, was nach außen vielleicht wie Entlastung wirkte, sich innerlich aber eher wie ein stiller Alarm anfühlte. Diese vier Stunden, in denen Flo in der Schule war, waren nicht „frei“. Es waren Stunden, in denen ich telefonierte, eine Praxis nach der anderen anrief, auf Warteschleifen landete, auf Mailboxen sprach und am Ende oft doch nur hörte, dass keine neuen Patienten aufgenommen werden. Ich hatte Tage, an denen ich nach diesen vier Stunden auflegte und merkte, dass ich eigentlich nur telefoniert hatte, ohne einen einzigen echten Schritt weitergekommen zu sein. Dieses Gefühl, sich zu bemühen, alles zu geben, und trotzdem am gleichen Punkt zu stehen, war frustrierend und zermürbend.
Die größte Angst saß jedoch tiefer und war viel weniger „organisatorisch“, als man denkt. Es war die Angst, dass eines meiner Kinder krank wird und ich nicht weiß, wohin. Ich stellte mir Fragen, die sich nachts viel zu laut anhörten: Fahre ich dann bis nach Köln, weil dort die Ärzte sind, die wir kennen, oder rufe ich den Notdienst, weil ich hier niemanden habe. Diese Gedanken machten nicht nur müde, sie machten auch unsicher, weil sie die leise Stimme fütterten, die in solchen Umbruchzeiten immer wieder auftaucht und flüstert, dass es vielleicht doch besser wäre, wenn die Kinder dort wären, wo alles vertraut ist. An manchen Tagen hatte ich genau dieses Gefühl im Bauch, und es tat weh, weil ich gleichzeitig wusste, wie sehr ich diesen Neuanfang wollte und wie sehr ich darum gekämpft hatte.
Und dann begannen die Bauchschmerzen.
Bei Fabian war es nicht ein einzelner Tag, an dem er sagte, dass ihm der Bauch weh tut. Es war ein tägliches Thema, das so verlässlich wurde wie der Schulranzen am Morgen. Er klagte, wurde blass, wirkte angespannt, und irgendwann merkte ich, dass es nicht darum ging, ob er sich „drückt“, sondern dass sein Körper etwas ausdrückt, was er selbst nicht in Worte bekommt. Es gab Tage, an denen ich ihn zur Schule brachte und bereits nach ein oder zwei Stunden wieder abholte, weil er nicht mehr konnte. Es gab Tage, an denen ich ihn morgens gar nicht hineinbekam, weil er sich so fest an mir hielt, als würde ich ihn in etwas hineinziehen, das er nicht übersteht.
Ich war in dieser Zeit mehrfach mit ihm beim Kinderarzt, insgesamt drei Mal, weil ich einfach sicher sein musste, dass wir nichts übersehen. Körperlich war alles in Ordnung, und eigentlich hätte mich genau das beruhigen müssen. Stattdessen machte es mich noch hilfloser, weil man als Mutter irgendwann an dem Punkt ist, an dem man nicht mehr fragt, ob es „echt“ ist, sondern nur noch wissen will, wie man helfen kann. Es war Gott sei Dank kurz vor den Sommerferien, und seine Lehrerin sagte damals, dass ohnehin nicht mehr „so viel passiert“ und man den Druck rausnehmen müsse. Allein diese Aussage zeigt, wie stark es war, denn normalerweise klingt Schule nach Struktur, und plötzlich ging es nur noch darum, überhaupt durch den Tag zu kommen.
Seine Lehrerin war in dieser Zeit unglaublich engagiert. Sie probierte vieles aus, weil sie sah, dass Fabian leidet, auch wenn niemand das Problem medizinisch greifen konnte. Sie klebte ihm ein „Bauchschmerzenmonster“ auf den Tisch, als wäre es ein kleines Wesen, dem man einen Platz geben kann, damit es nicht überall sitzt. Seine Freunde redeten ihm gut zu. Und ich, ich stand daneben und hatte gleichzeitig Hoffnung und Panik, weil ich so dankbar war, dass er aufgefangen wird, und gleichzeitig so erschöpft, dass ich kaum noch wusste, wo ich als Nächstes ansetzen soll.

Währenddessen telefonierte ich weiter, diesmal nicht nur nach Kinderärzten, sondern nach psychologischer Unterstützung. Ich erlebte eine Realität, die viele kennen und die trotzdem jedes Mal aufs Neue schockiert, weil sie sich so ohnmächtig anfühlt: Man kommt nicht durch, man landet auf Mailboxen, man hört Sätze wie „Wir nehmen keine neuen Kinder auf“, man wird weiterverwiesen, und am Ende sitzt man wieder zu Hause und hat das Gefühl, man sei nicht nur zu langsam, sondern als Mutter auch noch dafür verantwortlich, dass es überhaupt so schwer ist. Das ist irrational, das weiß ich heute, aber in dem Moment fühlt es sich so an.
Irgendwann sagte die Lehrerin, ich solle den schulpsychologischen Dienst in Euskirchen anrufen. Ich tat es, ohne große Erwartungen, weil ich nach all den Absagen bereits daran gewöhnt war, dass man eher Geduld als Hilfe bekommt. Und dann passierte etwas, das in dieser Zeit selten war: Es klappte tatsächlich. Ich bekam einen Termin, relativ schnell, und eine Woche später saßen wir dort. Die Dame war ruhig, freundlich, klar, und Fabian mochte sie sofort. Allein dieser erste Eindruck war wichtig, weil man in solchen Situationen nicht noch einmal jemanden „überzeugen“ kann, sondern einfach nur jemanden braucht, der hinschaut und versteht.
Wir hatten dort drei Termine, nicht mehr, weil die Kapazitäten begrenzt waren. Und trotzdem reichte es, um eine Veränderung anzustoßen. Es war nicht so, dass danach plötzlich alles leicht war, aber es wurde wieder möglich. Nach den Sommerferien ging Fabian wieder normal zur Schule. Für viele klingt das vielleicht wie eine kleine Randnotiz, für mich war es wie eine Tür, die sich wieder öffnet, nachdem man wochenlang nur dagegen gedrückt hat.
In dieser Zeit habe ich viel geweint, aber ich habe es versteckt. Ich wollte nicht, dass die Kinder die ganze Schwere mitbekommen. Ich wollte nicht, dass sie denken, sie seien der Grund, auch wenn ich natürlich wusste, dass sie es nicht sind. Also weinte ich abends, wenn ich sicher war, dass sie schlafen, oder wenn ich kurz allein war. Ich weinte, weil ich müde war, weil ich Angst hatte, weil ich mich überfordert fühlte, und weil ich manchmal nicht wusste, wie es weitergehen soll, wenn schon ein einzelnes Problem so groß wirkt. Gleichzeitig war ich irgendwann froh, wieder ein paar Stunden in den Dienst zu dürfen, weil dort Erwachsene um mich herum waren. Es klingt vielleicht hart, aber es war wie Luft holen. Ich konnte dort kurz aus dem „Mama-Modus“ raus, ohne aufzuhören, Mama zu sein.
Ich sprach viel mit meinem Chef. Ich habe mich bei ihm „ausgeheult“, auch wenn ich das Wort eigentlich nicht mag, weil es klingt, als würde man sich einfach nur beklagen. Für mich war es eher das erste Mal seit Wochen, dass ich nicht stark wirken musste. Ich versuchte, die Tränen zu unterdrücken, und manchmal klappte es nicht. Und weißt du, was ich daran im Nachhinein am wichtigsten finde. Nicht, dass ich geweint habe, sondern dass ich es durfte. Dass ich nicht erst erklären musste, warum es mich so mitnimmt. Dass da jemand war, der es nicht wegwischte.
Und dann waren da die Kinder.

Inmitten all dieses Stresses waren sie unglaublich liebevoll. Sie sagten mir täglich, dass ich alles richtig mache, dass sie sich wohlfühlen, dass es hier schön ist. Flo sagte beim Abholen oft, wie sehr er sich freut, jetzt nach Hause zu können und nicht mehr in die Nachmittagsbetreuung zu müssen, wie früher in Köln. Diese Sätze klingen klein, aber sie waren in dieser Zeit riesig, weil sie mir zeigten, dass da trotz allem etwas Gutes entsteht. Fabian sagte mir ebenfalls immer wieder, dass er sich hier wohlfühlt, dass ich alles richtig mache, und ich glaube, er meinte es ernst, weil er so ein sensibler Junge ist, der Dinge sehr fein wahrnimmt. Er ist kuschelig, er bedankt sich für Kleinigkeiten, er entschuldigt sich oft, vielleicht manchmal zu oft, und ich merkte, dass ihm die Ruhe, die Nähe und das gemeinsame Lernen gut taten.

Seine Leistungen wurden besser. Nicht, weil ich ihn „pushte“, sondern weil wir zusammen lernten, in Ruhe, Schritt für Schritt, und weil er erlebte, dass Fehler nichts Schlimmes sind, sondern Teil des Weges. Sein Zeugnis war schon nach dem ersten Halbjahr richtig gut, und ich sah, wie sehr ihn das stärkte. Plötzlich lernte er lieber, weil Lernen nicht mehr mit Druck verbunden war, sondern mit gemeinsamer Zeit. Und ja, ich wusste dabei oft, dass ich eigentlich noch hundert Dinge zu erledigen hätte, aber ich wusste auch, dass genau diese Zeit gerade wichtiger ist als jeder Haken auf einer To-do-Liste.
Wenn ich heute auf diese Wochen zurückblicke, dann erinnere ich mich nicht zuerst an die Telefonate, nicht an die Warteschleifen, nicht einmal an den organisatorischen Stress. Ich erinnere mich an das Gefühl, dass man als Mutter manchmal gleichzeitig kämpfen und trösten muss, gleichzeitig entscheiden und zweifeln, gleichzeitig stark sein und innerlich zerbrechen könnte, ohne dass es jemand sieht. Ich erinnere mich daran, dass ich Soldatin bin, dass ich gelernt habe, zu funktionieren, und dass es trotzdem Tage gab, an denen Funktionieren nicht bedeutete, dass es mir gut ging, sondern nur, dass ich weitermachte.
Bauchschmerzen nach der Trennung waren für uns nicht nur ein Symptom, sondern ein Signal. Ein Signal dafür, dass ein Kind in kurzer Zeit zu viel verarbeiten muss, auch wenn es tapfer ist, auch wenn es lacht, auch wenn es sagt, dass alles gut ist. Und es war auch ein Signal für mich, dass ich mir erlauben muss, nicht immer stark zu wirken, weil Stärke manchmal nicht die Fassade ist, sondern das Bleiben.
Vielleicht war ich in dieser Zeit nicht immer stark. Ich war müde, überfordert, und ich hatte Angst. Aber ich war da, jeden Tag, und ich bin geblieben. Und manchmal ist genau das die größte Stärke.
Wie wir überhaupt zu diesem Neubau gekommen sind und warum der Weg dorthin alles andere als einfach war, erzähle ich in Teil 2 unserer Serie: 👉 Haus suchen nach Trennung mit Kindern.
Den Anfang unserer Geschichte findest du hier: 👉 Unser erstes Jahr zu dritt nach der Trennung



