Karfreitagsgefecht 2010 – Erinnerungen aus Kunduz und Masar e Sharif

Namenstafeln gefallener Soldaten Karfreitagsgefecht 2010
Namenstafeln gefallener Soldaten Karfreitagsgefecht 2010
Manche Namen liest man nicht einfach nur, sondern verbindet mit ihnen Erinnerungen, Bilder und Momente, die ein Leben lang bleiben

Es gibt Momente, die kündigen sich nicht an und trotzdem verändern sie alles, weil aus einem ganz normalen Einsatztag innerhalb kürzester Zeit etwas wird, das sich nicht mehr einordnen lässt und das man auch Jahre später nicht einfach nur als Erinnerung beschreibt, sondern als Gefühl, das immer wieder hochkommt, sobald man an das Karfreitagsgefecht 2010 denkt.

Ich weiß noch genau, wie wir dort standen, irgendwo zwischen Alltag und Auftrag, in einer Situation, die sich zunächst nicht anders angefühlt hat als viele andere zuvor, bis diese Nachricht kam und sich etwas in uns allen verschoben hat, nicht laut und nicht sichtbar für Außenstehende, sondern leise, fast unmerklich und doch so deutlich, dass jeder sofort wusste, dass dieser Tag nicht mehr einfach weitergehen würde wie geplant.

Das Karfreitagsgefecht 2010 gilt bis heute als eines der prägendsten Ereignisse im Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, doch das, was ich erinnere, ist kein Begriff und keine Einordnung, sondern dieser eine Moment, in dem aus Alltag plötzlich Realität geworden ist.

Man hat sich angeschaut, man hat vielleicht ein paar Worte gewechselt, aber vieles blieb unausgesprochen, weil es nichts gab, was man in diesem Moment hätte sagen können, ohne dass es sich falsch angefühlt hätte, und genau dieses gemeinsame Schweigen, dieses Verstehen ohne Erklärung, ist das, was mir bis heute am stärksten in Erinnerung geblieben ist.

Gedenkraum mit Kerzen Bundeswehr Einsatz Afghanistan
In diesem Raum wurde gesprochen und doch war es vor allem die Stille zwischen den Worten, die geblieben ist, weil jeder für sich verstanden hat, was dieser Moment bedeutet

Später standen wir zusammen, enger als sonst, ruhiger als sonst, und während gesprochen wurde, während der Chef Worte gefunden hat und auch der Militärpfarrer versucht hat, diesem Moment einen Rahmen zu geben, habe ich gemerkt, dass ich zwar zuhöre, aber gleichzeitig in meinen eigenen Gedanken feststecke, weil das, was gesagt wurde, wichtig war, aber niemals das ausdrücken konnte, was sich in diesem Moment in mir abgespielt hat.

Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr war über viele Jahre hinweg geprägt von genau solchen Momenten, die man von außen nur schwer greifen kann, weil sie nicht laut sind, sondern sich leise einprägen.

Es war nicht die Rede, die geblieben ist, sondern dieses Gefühl zwischen den Worten, diese kurzen Pausen, in denen niemand gesprochen hat und in denen man gespürt hat, dass jeder genau weiß, worum es geht, ohne dass es noch einmal ausgesprochen werden muss.

Ich erinnere mich an Blicke, an dieses kurze Nicken, an dieses stille Einverständnis, das mehr gesagt hat als jede noch so gut formulierte Ansprache es hätte tun können.

Zwischen Worten und Stille entsteht das, was bleibt
Es sind genau diese Augenblicke, in denen keine großen Worte mehr gebraucht werden, weil alles, was gesagt werden müsste, längst in der Luft liegt und von allen gespürt wird.

Es gibt Augenblicke, die sich festsetzen, weil sie anders sind als alles, was man sonst erlebt, weil sie nicht geplant sind und weil sie genau deshalb so ehrlich sind, und genau so ein Moment war es, als sich das Spalier gebildet hat, ohne dass jemand groß etwas anordnen musste, weil jeder einfach wusste, wo er hingehört.

Ich stand dort, habe nach vorne geschaut und gleichzeitig versucht zu begreifen, was eigentlich gerade passiert, und ich kann bis heute nicht genau sagen, was schwerer war, dieser Moment selbst oder das Wissen dahinter, weil beides so eng miteinander verbunden war, dass man es nicht voneinander trennen konnte.

Sarg Bundeswehr Hubschrauber Afghanistan Karfreitagsgefecht
Ein Moment, der sich nicht erklären lässt und der sich dennoch einprägt, weil man ihn nicht nur sieht, sondern mit allem, was dazugehört, in sich aufnimmt.

Dieser Weg, dieses Spalier, diese Stille, die sich über alles gelegt hat, obwohl so viele Menschen da waren, hat sich eingebrannt, nicht als einzelnes Bild, sondern als Gefühl, das bis heute da ist und das sich nicht abschütteln lässt, egal wie viel Zeit vergeht.

Ich erinnere mich daran, wie jeder einzelne Schritt sich anders angefühlt hat, langsamer vielleicht, bewusster, und gleichzeitig war da dieses Wissen, dass der Einsatz weitergeht, dass der Alltag wiederkommt und dass genau das vielleicht das Schwerste daran ist, weil sich für einen Moment alles verändert und danach doch wieder alles seinen gewohnten Lauf nimmt.

Bundeswehr Formation Gedenken Afghanistan Einsatz
Man steht nebeneinander, ohne viel zu sagen, und genau in diesem gemeinsamen Schweigen wird spürbar, was Kameradschaft wirklich bedeutet

Die Bilder, die in Kunduz und in Masar e Sharif entstanden sind, zeigen genau diesen Moment, nicht den Rückblick, nicht das Erinnern mit Abstand, sondern dieses Dazwischen, dieses Erleben im Hier und Jetzt, in dem man funktioniert und gleichzeitig spürt, dass etwas bleibt.

Wenn ich sie heute anschaue, sehe ich nicht nur das, was darauf zu erkennen ist, sondern ich bin sofort wieder dort, ich spüre diese Atmosphäre, diese Mischung aus Nähe, Zusammenhalt und diesem Gefühl, das man nicht wirklich erklären kann, weil es sich nicht in Worte pressen lässt.

Viele Jahre später wird erinnert, es werden Reden gehalten, es wird eingeordnet und erklärt, und das ist wichtig, weil es dazugehört und weil es Raum schafft für das, was war, und genau solche Formen des Erinnerns werden unter anderem auch durch Organisationen wie den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge getragen.

Diese Bilder gehören nicht zu dem, was man Jahre später mit Abstand betrachtet und in Worte fasst, sondern zu genau diesem Moment, in dem wir dort standen, nebeneinander, und wussten, dass Kameraden gefallen sind, und vielleicht ist es genau das, was sie so besonders macht, weil sie nicht erklären, nicht einordnen und nichts beschönigen, sondern einfach zeigen, wie es sich angefühlt hat, in dieser Situation zu sein, in der Nähe, in der Stille, in diesem gemeinsamen Verstehen, das ohne große Worte auskommt und trotzdem alles sagt.

Und genau deshalb fühlen sie sich auch heute noch anders an, weil sie nicht nur Bilder sind, sondern Erinnerungen, die geblieben sind und die ihren festen Platz haben, verbunden mit Menschen, die Teil davon waren und es immer bleiben werden.

Für unsere gefallenen Kameraden, die Teil dieser Erinnerungen sind und es immer bleiben werden.

Unvergessen.

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